„Wer das vietnamesische Tausendfüßler-Festmahl probiert hat, könnte sagen: ‚Auf ein Wiedersehen im nächsten Leben.‘“
Vietnams Liebe zur Natur nimmt Formen an, die das konventionelle Verständnis herausfordern. Hier ist der Vietnamesische Riesenkakerlak kein bloßes Wesen, das im Schatten lauert, sondern ein integraler Bestandteil des südostasiatischen Mystique – dominant sowohl in den dichten Wäldern als auch auf lokalen Esstischen.
Hinter jeder scheinbar exotischen Zutat verbirgt sich ein unnachgiebiger Gaumen und ein furchtloser Magen. In Vietnam geboren, ist ein Tausendfüßler zu einem außergewöhnlichen Schicksal bestimmt. Aus dunklen Ecken kriechend und aus der tiefsten Angst der Menschheit auftauchend, verwandeln sich diese Kreaturen schließlich in kulinarische Köstlichkeiten – ein kühnes und faszinierendes Spektakel.

Mutprobe und Geschmacksabenteuer
Wenn ein Teller mit gegrillten Tausendfüßlern serviert wird, schrecken ausländische Besucher oft zurück, während Einheimische lässig mit Stäbchen ein Stück aufnehmen, es in Chilisoße tunken und ohne Zögern in den Mund schieben.
„Beim ersten Biss fühlt es sich an, als mache der Tausendfüßler Saltos in deinem Mund“, berichtete eine französische Reisebloggerin über ihre Erfahrung in Vietnam. „Dann kannst du nicht mehr aufhören – entweder kaust du schnell oder riskierst, dass er deine Zunge verwüstet.“

Der über Holzkohle gegrillte Tausendfüßler krümmt sich leicht, sein panzerartiger Körper knusprig, die verkohlten Beinchen verleihen ihm eine bizarre Faszination. Ein Einheimischer reicht grinsend einem zögernden Touristen ein Stück: „Keine Sorge, er beißt nicht mehr.“
Für Vietnamesen ist Tausendfüßler-Essen so normal wie Nachtmarkt-Spieße – praktischer noch als Meeresfrüchte. „Garnelen muss man schälen, Tausendfüßler beißt man einfach“, scherzt Ho-Chi-Minh-Stadt-Gourmet Le Van Phuc. „Es ist Respekt vor dem Leben – die haben schließlich mehr Beine als wir!“

Vom Notbehelf zur Delikatesse
Manche Liebe beginnt aus Not: Le Van Phuc erinnert sich an seine Kindheit:
„Als die Vorräte aufgebraucht waren, fing mein Vater einen Tausendfüßler, röstete ihn mit Reiswein und sagte, das sei gut für die Nieren. Warum ausgerechnet Nieren? Aber dank diesem Tier lebe ich noch.“

Die Zubereitungsarten variieren: Klassisch ist das Grillen. „Direkt über der Glut entfaltet sich der wilde Geschmack“, erklärt Le. „Die krossen Panzerteile kontrastieren mit dem zarten Fleisch.“

Für Mutige gibt es frittierte Varianten: Im ländlichen Raum um Hanoi sind knusprige Tausendfüßler mit Limettensaft der ultimative Biersnack. Hochkulinarisch wird es mit Reiswein-Dämpfung oder Hotpot-Zubereitung, die das zarte Aroma betont.

Initiation am Limit: Tausendfüßler als Mutprobe
Vietnams berüchtigtes „Tausendfüßler durch die Flammen“ ist nichts für Schwache: Lebendige Tiere werden mit Honig bestrichen und ins kochende Öl getaucht. Der erste Bissen bringt das dramatische Knirschen des Panzers – ein Soundtrack zum Adrenalinkick.
Die ultimative Mutprobe: Roher Verzehr. Im Zentralen Hochland soll dies die Kraft der Tiere übertragen. Nach Entfernen der Giftdrüsen wird das Wesen in Fischsoße und Limette getunkt und ganz verschlungen. Einheimische beschreiben das letzte Zucken auf der Zunge als „zarten Abschiedskuss der Natur“.

Vietnams Riesenkakerlaken: Die Alpha-Räuber des Dschungels
Der legendäre Vietnamesische Riesenkakerlak – bis 30 cm lang – ist Delikatesse und gefürchteter Jäger zugleich. Sein muskulöser Körper und starkes Gift machen Jagd und Zubereitung zur Herausforderung. Erfahrene Jäger wie Nguyen Phu Quy beherrschen die Giftentfernung: „Wir Vietnamesen wissen damit umzugehen.“

Traditionelle Entgiftungsmethoden reichen vom Salzwasserbad bis zum präzisen Herausschneiden der Giftdrüsen. Neben kulinarischer Bedeutung spielen Tausendfüßler in Medizin und Folklore eine Rolle – als Symbole für Widerstandskraft oder in Verwandlungsmytchen als Träger von Weisheitsperlen.

Mutprobe auf dem Teller
Einen Vietnamesischen Riesenkakerlak zu essen ist mehr als Mahlzeit – es ist eine Mutbekundung, ein Tanz am Rand der Nahrungskette. Wie ein Abenteurer treffend formulierte: „Bei jedem Bissen beweist du, dass du mehr als 100 Leben hast.“
Ob gegrillt, frittiert oder roh – Vietnams Tausendfüßler-Festmahl ist kein Essen, sondern ein Initiationsritus. Für Wagemutige bietet es die seltene Chance, wilde Naturaromen zu kosten und das Außergewöhnliche zu umarmen.
