In den letzten Jahren hat russisches Brot – insbesondere der berüchtigte harte Laib namens Lieba – unerwartete Online-Berühmtheit erlangt. Dank viraler Humorbeiträge, die als Lieba-Literatur bezeichnet werden, ist dieses kompakte und haltbare Brot zu einem meme-würdigen Symbol geworden. Doch hinter seiner harten Kruste verbirgt sich mehr als nur Lachen – es ist ein kulturelles Grundnahrungsmittel, das das Herz der russischen Brottraditionen repräsentiert.

Was genau ist Lieba?
Der Begriff Lieba stammt vom russischen Wort chleb (хлеб), das einfach “Brot” bedeutet. Chinesen fügten das Wort “Da” (groß) hinzu, um seine riesige Größe und robuste Struktur zu beschreiben – daher Da Lieba (Großes Lieba).

Brot ist in Russland mehr als Nahrung – es ist eine Lebensgrundlage. Im sowjetischen Film Lenin im Jahr 1918 erklärt ein berühmter Satz: “Es wird Brot geben. Es wird alles geben.” Dies unterstreicht, wie zentral Brot für das russische Leben ist.

Russisches Brot gibt es in vielen Formen: runde Laibe, Ringe, Schlösser oder lange Baguettes. Grundsätzlich teilt es sich jedoch in zwei Arten: Schwarzbrot und Weißbrot.

Schwarzbrot: Das russische Grundnahrungsmittel
Schwarzbrot wird hauptsächlich aus Roggenmehl hergestellt, das im rauen russischen Klima gut wächst. Diese Brotsorte lässt sich bis mindestens ins 9. Jahrhundert zurückverfolgen und hat ihren Ursprung wahrscheinlich in der Kiewer Rus. Bis zum 17. Jahrhundert erwähnten zaristische Aufzeichnungen über 26 Varianten von Schwarzbrot.
Statt Hefe wird Schwarzbrot traditionell mit Hopfen fermentiert. Der Teig enthält oft Weizenkeime, Kleie und benötigt mehrere Tage Fermentation und Backzeit in einem Holzofen. Das Ergebnis? Eine dunkle, glänzende Kruste und ein festes, zähes Inneres, das nicht leicht bröckelt.

Viele empfinden seinen sauren und salzigen Geschmack als ungewohnt, aber Russen lieben es. Sie essen es mit Suppe, Butter, Kaviar, Käse, Marmelade – oder sogar mit Wodka.
Sogar der russische Adel verehrte es. 1836 schrieb Graf Sheremetev an den Dichter Alexander Puschkin und beklagte, dass das Leben in Paris ohne Schwarzbrot unerträglich sei.

Jenseits von Lieba: Russlands andere Brote
Das elitärste russische Schwarzbrot ist Borodinsky-Brot, das angeblich aus einem Kloster nach der Schlacht von Borodino 1812 stammt. Einige behaupten, es sei erst in den 1920er Jahren in Moskau entstanden.

Während Schwarzbrot dominiert, hat auch Weißbrot seinen Platz in der russischen Geschichte. Erstmals im 12. Jahrhundert gebacken, war es einst ein Luxusartikel. Nur die Wohlhabenden konnten sich Brot aus raffiniertem Weißmehl leisten.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Weißbrot zugänglicher. Russen bevorzugen besonders ein Brot namens Schlossbrot, einen weichen, leicht süßen Laib aus Schneeflockenmehl. Seine Ursprünge lassen sich auf tatarische Einflüsse zurückführen.

Weitere bemerkenswerte russische Brote sind:
- Krasnoselsky-Brot: Dünne Kruste, reiches Aroma.

- Bojarenbrot aus Moskau: Ein Festtagsbrot für Hochzeiten und Feiern.

- Starodubsky-Brot: Oval geformt, oft zum Tee serviert.

Warum ist Lieba so hart und riesig?
Chinesen stereotypisieren russisches Brot oft als steinhart und übergroß – und sie liegen nicht falsch.

Einige Lieba-Laibe wiegen über 2 Kilogramm. Sie haben dicke Krusten, die beim Klopfen ein lautes Klopfgeräusch abgeben. Frisch aus dem Ofen sind sie innen weich – aber nach ein bis zwei Tagen entweicht die Feuchtigkeit, und das Brot wird kompakt und zäh.

Im Vergleich zu weichen, süßen asiatischen Broten wirkt Lieba trocken und grob. Es ist funktionaler als edel. Doch Lieba ist nicht allein – auch französische Baguettes und deutsche Sauerteigbrote sind berüchtigt für ihre Härte.

Historisch backten europäische Bauern Brot in Gemeinschaftsöfen und schufen riesige Laibe, die Tage oder sogar Wochen halten sollten. Wie in Les Misérables erwähnt, mussten französische Bauern ihr Brot manchmal 24 Stunden in Wasser einweichen, um es essen zu können.

Die Härte war also kein Fehler – sie war Überlebensstrategie.
Unterschiedliche Brote, unterschiedliche Geschmäcker
Die Kluft zwischen asiatischem und europäischem Brot spiegelt unterschiedliche Küchenkulturen wider. Europäer sehen Brot als Grundnahrungsmittel, kombiniert mit einfachen Rezepten (Mehl, Wasser, Hefe, Salz) und Beilagen wie Käse, Schinken oder Gurken.
Im Gegensatz dazu sind moderne chinesische Brote stark vom japanischen Backstil beeinflusst, mit weichem Teig, angereichert durch Milch, Zucker und Eier. Brot ist hier eher Dessert als Hauptmahlzeit.

Der Aufstieg des “Nuss-Lieba”
Ein neuer Star ist in chinesischen sozialen Medien aufgetaucht: Nuss-Lieba, eine abgewandelte Version des traditionellen Lieba, die ihren Ursprung in Xinjiang hat.

Dieser lange, rechteckige Laib ersetzt Wasser durch Milch und enthält Nüsse, Trockenfrüchte und Honig. Anders als sein russischer Vorfahr ist Nuss-Lieba feucht, zäh und süß – texturähnlicher einem Früchtekuchen als Roggenbrot.

Ist es wirklich russisch? Irgendwie schon.
Russischer Einfluss in China
Städte wie Harbin und Yili haben lange russische Verbindungen. Harbins russisches Brot reicht bis 1898 zurück, als Russen zum Bau der Chinesischen Ostbahn kamen.

Sogar die Schriftstellerin Xiao Hong erwähnte, in den 1930ern in Harbin mit Schwarzbrot und Salz überlebt zu haben.

Heute bleibt Harbins Qiulin-Lieba ein beliebtes Souvenir – obwohl es jetzt aus Weizenmehl statt Roggen hergestellt wird.
In Xinjiang verwenden einige ethnisch russische Bäcker noch Hopfenfermentation und Holzöfen für traditionelles Lieba. Doch um modernen chinesischen Geschmack zu treffen, passten lokale Bäcker es zur süßen, nussigen Version von heute an.

Russisches Brot im alten Shanghai
Im frühen 20. Jahrhundert brachten verarmte russische Flüchtlinge ihre Backkünste nach Shanghai. Einheimische nannten ihre Kreationen Luosong-Brot, abgeleitet von einer falschen Aussprache von “Russland”.

Klassisches Luosong-Brot und Luosong-Eintopf wurden Teil von Shanghais kulinarischem Erbe. Die legendäre Schriftstellerin Eileen Chang erinnerte sich liebevoll an eine spezielle Variante der Bäckerei Old Dachang, die sie als dezent süß-salzig mit knuspriger Kruste und Käse-Füllung beschrieb.

Abschließende Gedanken
Ob aus Harbin, Xinjiang oder dem alten Shanghai – russisches Brot in China wurde angepasst und weicher gemacht, um lokale Gaumen zu treffen. Es mag nicht 100% authentisch sein – aber es ist köstlich.
Denn Essen muss nicht traditionell sein. Es muss nur gut schmecken.